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Roland Freisler – der Richter und Henker lebt bis heute in unserem Rechtssystem fort

Die Rechtsbegriffe Mord und Totschlag sind zwei herausragende Beispiele für Nazirecht. Wer hat sie erfunden?

Die beiden Paragraphen 211 und 212 des Strafgesetzbuches (StGB) haben einen gemeinsamen Vater: Roland Freisler, Vorsitzender des Volksgerichtshofs und Symbolfigur des Nazi-Unrechts.

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Wir kennen Freisler aus der Dokumentation der Prozesse gegen die Attentäter des 20. Juli, in denen er die Angeklagten blindwütig anschreit, sie verhöhnt und beschimpft und sich wie ein Rumpelstilzchen aufführt. In unseren heutigen Augen ein lächerliches Auftreten. Doch damals war Freisler die Horrorfigur schlechthin.

Er war im Jahr 1941 federführend an der Formulierung der beiden Paragraphen beteiligt. § 211 Abs. 2 StGB („Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen … einen Menschen tötet.“) stammt aus seiner Feder. Damit setzte Freisler lupenreines Täterstrafrecht durch. Einziges Unterscheidungsmerkmal zum Totschlag ist die „sittliche Bewertung der Tat“. Denn „wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft“ (§ 212 Abs. 1 StGB).

Was für ein Mensch war dieser Roland Freisler?

Er wurde am 30. Oktober 1893 im niedersächsischen Celle in ein behütetes Elternhaus geboren. Der Vater war Ingenieur und Studienrat, die Mutter Hausfrau. Nach dem Abitur entscheidet sich der junge Freisler für das Studium der Jurisprudenz in Kiel, meldet sich jedoch 1914 freiwillig zum Dienst an der Waffe und gerät rasch in russische Kriegsgefangenschaft. Auch nach Kriegsende kehrt er nicht sofort zurück. Ob ihn jäh entflammte Begeisterung für den Bolschewismus in Russland festgehalten hat, ist Gegenstand reiner Spekulation.

1920 kehrt Freisler in die Heimat zurück, nimmt sein Jurastudium wieder auf, promoviert mit „summa cum laude“ und ist ab 1924 mit seinem jüngeren Bruder Oswald in eigener Anwaltskanzlei tätig. Bereits 1925 tritt er in die NSDAP ein und macht sich einen Namen als „angenehmer Verteidiger“ straffälliger Parteigenossen und SA-Männer. 1928 heiratet er. Aus der Ehe entstammen zwei Söhne.

Parallel zur Familiengründung treibt er seine politische Karriere voran. Erst Stadtrat, 1932 wird er als Abgeordneter in den Preußischen Landtag gewählt. Auch beruflich kommt er voran und wird 1934 als Staatssekretär ins Reichsjustizministerium befördert. Seine unbedingte Linientreue und sein leidenschaftliches Ereifern für die „nationalsozialistische Rechtsordnung“ bleiben nicht unbemerkt. Allerdings wird er nur fachlich, nicht menschlich geschätzt. Er gehört zwar zum inneren Zirkel der Macht, nicht jedoch zum persönlichen Kreis um Adolf Hitler. An der berüchtigten Wannseekonferenz zur „Endlösung der Judenfrage“ im Januar 1942 nimmt er als Vertreter des Justizministeriums teil.

Im August desselben Jahres wird er vorsitzender Richter des Volksgerichtshofes. Dort treibt er sein grausames Spiel, das ihm den Namen „Blutrichter“ einbrachte. Mehr als 5.000 Todesurteile fällte der Volksgerichtshof zwischen 1942 und 1945 zusammen. Mehr als die Hälfte gehen auf das Konto von Freislers Erstem Senat. Damit verantwortete Freisler genau so viele Todesurteile wie alle anderen Senate des Gerichts von 1934 bis 1945.

Zu seinen Opfern gehören die Mitglieder der „Weißen Rose“ ebenso wie die Attentäter des 20. Juli 1944. Sie werden nur Stunden nach der Verurteilung hingerichtet. Freisler fungiert sowohl als Ankläger als auch als Richter und steigert sich immer rasender in einen Vernichtungswahn gegen alle „Staatsfeinde“ hinein.

Die Schauprozesse gegen die „Verschwörer“ des 20. Juli wurden zu Propagandazwecken aufgenommen. Doch die Wutausbrüche und Attacken Freislers waren selbst den Nazis zu viel. Die Filme verschwanden im Archiv als „Geheime Reichssache“. Man befürchtete, dass die Zuschauer Mitleid für die Angeklagten empfinden könnten. Freislers furchtbarer Furor findet am 3. Februar 1945 ein jähes Ende, als er im Gerichtshof von einem Bombensplitter tödlich getroffen wird.

Seine „Verdienste“ wurden jedoch posthum gewürdigt. Freislers Witwe erhielt nicht nur in den letzten Wochen des Dritten Reiches, sondern von 1974 bis zu ihrem Tod im Jahr 1997 eine üppige Rente vom zuständigen Versorgungsamt. Begründung: Es sei davon auszugehen, dass Freisler, so er denn überlebt hätte, nach dem Krieg „als Rechtsanwalt oder Beamter des höheren Dienstes“ erhebliche Einkünfte erzielt hätte. Alles musste seine Ordnung haben.

Foto: Ullstein

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